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Kamishibai



Alle Jahre wieder…

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Advents – und Weihnachtszeit…und viel Spaß mit dem Dezembermärchen.

Vielleicht eine nette Geschichte zum Vorlesen im Familienkreis?!


Gawain und der Wunsch der Frauen


Es war in jenem Winter, als Gawain auf der Suche nach der Grünen Kapelle war. Schon lange hatte man in Camelot nichts mehr von ihm gehört, und König Artus, der seinen Neffen liebte wie einen eigenen Sohn, war um ihn so in Sorge, dass er ihm mit dem ganzen Hof nach Norden nachzog.

Zu Weihnachten war der König in Carlisle und täglich schwärmten Ritter aus, aber sie konnten keine Spur von Gawain entdecken. Am Neujahrsmorgen, als Gawain dem grünen Ritter den Hals hinhalten musste, hielt er der König es nicht mehr länger im Schloss von Carlisle; er ließ sein Pferd satteln und ritt auch hinaus, ganz allein, ohne wache und ohne Waffe.

Ziellos streifte er durch den Wald von Inglewood und kam zu dem gefrorenen Wassern der Meeresbucht von Tarn Wadling.

Da brach aus dem Gebüsch hinter ihm ein wilder Mann, hässlich und missgestaltet, aber riesengroß und mit einer eisernen keule bewaffnet. Er riss den überraschten König vom Pferd.

Gefangen, gefangen, ich hab einen König gefangen, gröhlte er und lachte dabei wie toll, Ha, das Jahr fängt gut an für Gromer Somer Joure!

Sei vernünftig Mann, sagte der König, und lass mich los. Meine Ritter werden mich suchen, und wenn sie dich finden, dann ist es um Euch geschehen. Lass mich gehen, ich bin auch bereit, ein Lösegeld zu zahlen.

Der Riese grinste tückisch. Ja, darüber lässt sich reden. Aber ich will kein Geld von Euch. Ich werde euch eine Frage stellen, und die Antwort darauf soll das Lösegeld sein.

Versprecht in drei Tagen wieder hierher zu kommen. Habt Ihr die richtige Antwort gefunden, so seid Ihr frei. Wenn nicht, so bleibt Ihr für alle Zeit der Gefangene von Gromer Somer Joure! Einverstanden?

Der König nickte düster: Ich gebe dir mein Wort darauf! Ich werde in drei Tagen wieder hier sein, mit Antwort oder ohne.

Gut, Gut, knurrte der Riese. Und nun meine Frage: Was wünschen sich die Frauen mehr als alles andere? Findet es heraus, sonst habt Ihr ausgespielt und ich sperre Euch für den Rest Eurer Tage in ein Felsenloch, da könnt Ihr Asseln essen, und an Gründonnerstag bringe ich Euch ein wenig trockenes Moos. Und Euer Reich, eure Tafelrunde und eure ---schöne Königin, die müssen ohne euch auskommen.

Dann drehte Gromer Somer Joure sich um und verschwand zwischen den Bäumen. Nur sein lachen klang dem König noch lange in den Ohren.

Nachdenklich ritt Artus zurück. Was wünschen sich Frauen denn mehr als alles andere? überlegte er schon auf dem Weg. Tausend Dinge fielen ihm ein, aber nichts davon schien wirklich passend.

Zwei Tage darauf kam Gawain zurück von seinem Abenteuer. Der König war froh, ihn wiederzusehen, doch Gawain spürte trotz aller Freude, dass etwas den König bedrückte.

Und schließlich erzählte Artus seinem Neffen von Gromer Somer Joure und dessen Frage, die er am nächsten Tag beantworten musste.

Habt Ihr die Königin denn schon befragt? Wollte Gawain wissen. Ach, nein, meinte Artus, was soll sie auch schon dazu sagen? Neue Kleider? Schmuck? Ein großes Haus?

Vielleicht habt Ihr Recht, meinte Gawain, dann sollten wir Männer die Sache heute Abend unter uns besprechen. Das taten sie, und als der König am nächsten Morgen nach Tarn Wadling aufbrach, da hatten ihm die Ritter nicht eine, sondern neunundachtzig Antworten mitgegeben, doch die richtige, fürchtete er, war nicht dabei.

Am Wegesrand saß auf einem Baumstumpf zwischen einer kahlen eiche und einer Stechpalme mit leuchtend roten Beeren eine frau, ob alt, ob jung, war nicht zu sagen, so hässlich sah sie aus.

Sie schielte, ihr Mund stand schief, die Nase war lang und krumm, die Haare dünn und wirr. Doch sie trug ein kostbares Seidenkleid, rot wie die Beeren, und ihre Stimme klang angenehm, warm und tief, als sie den König freundlich grüßte.

Artus starrte sie an, sprachlos über so viel Hässlichkeit.

Dass ich hässlich bin, Herr König, sagte die Frau, gibt Euch nicht das Recht, unhöflich zu sein. Und Ihr tut gut daran, mir ein paar freundliche Worte zu gönnen, denn ich bin die Schwester von Gromer Somer Joure und kann Euch die Antwort geben, nach der ihr verzweifelt sucht.

Ach Herrin, rief der König, dafür wäre ich Euch ein Leben lang dankbar!!

Die Dame lächelte. Eure Dankbarkeit ist mir nicht genug. Ich will schon etwas mehr für meine Hilfe haben.

Dann sagt, was Ihr wollt, Ihr sollt es bekommen. Wenn Ihr mir nur eure Antwort sagt!

Euren Neffen Gawain, König, ist bekannt für seine Tapferkeit und Treue, es ist edel, freundlich und höflich, wie ich gehört habe, und sieht auch noch gut aus. Gebt mir Gawain zum Mann, und Ihr bekommt die Antwort!


Da verlangt ihr mehr, als ich geben kann, sagte der König, Ihr habt selbst gesagt habt, wie anziehend Gawain ist, viele schöne und reiche Damen würden mit Freude seine Frau, und es ist allein seine Sache, welche er einmal wählen wird. Meint Ihr, da wollte er gerade Euch?!

Das weiß ich nicht, die Dame lächelt wieder, aber Ihr habt versprochen, mir jede Bitte zu erfüllen. Sollte König Artus wortbrüchig werden?

Herrin, rief der König, Ihr müsst doch einsehen: ein Versprechen, dass ich gebe, kann keinen anderen binden.

Aber Gawain liebt Euch, er wird tun, um was Ihr ihn bittet, er wird für Euer Versprechen einstehen.

Nein, das will ich nicht von ihm verlangen, auch wenn es mich meine Freiheit kostet!

Dann brecht Euer Wort, das Ihr einer Dame gegeben habt, sagte die Fremde in dem roten Kleid. Reitet weiter. Ihr werdet es noch bitter bereuen. Denn im Felsenloch von Tarn Wadling wird Euch nicht nur Kälte, Hunger und Einsamkeit quälen, sondern auch die Schande, wortbrüchig geworden zu sein!

Hört zu, ich mache Euch einen letzten Vorschlag, rief der König, ich werde Gawain zu Euch bringen, und wenn er dann will, wird er Euer Mann. Aber ich werde ihn zu nichts zwingen, er muss sich frei entscheiden können. Wollt Ihr mir dafür die Antwort sagen? Ich kann nur hoffen, dass Ihr die richtige wisst!

Ja, damit bin ich ganz zufrieden, sagte die rote Dame, Gawain ist ein Mann von Ehre, er wird die Schuld begleichen, ob es seine ist oder die Eure. Und dann verriet sie Artus die Antwort, und er ritt weiter zum gefrorenen Strand von Tarn Wadling, wo das Eis blau im Sonnenlicht glitzerte.

Der Riese wartete schon auf ihn. Willkommen, willkommen, mein König, rief er, na welche Antwort habt ihr mitgebracht?

Und Artus sagte ihm, was ihm die rote Dame verraten hatte. Da brüllte der Riese vor Wut, dass die Bäume zitterten, rasend vor Zorn schlug er mit der Keule auf die Büsche ein und zerstampfte den Boden.

Das habt Ihr von meiner Schwester, schrie er, dieses schiefnasige, triefäugige Klatschmaul. Wenn ich die mannstolle Hexe erwische, dann dreh ich Ihr den Hals um.

Da aber zog Artus sein Schwert Excalibur, denn diesmal war er gut gerüstet, und Gromer Somer Joure war trotz seiner Wut klug genug, schnell im Wald zu verschwinden. So ritt der König heim, frei, aber tief betrübt über den Preis, den er für seine Freiheit zahlen musste.

Im Schloss grüßten ihn die Ritter mit lautem Jubel, alle wollten wissen, ob ihre Antwort die richtige gewesen sei. Aber Artus schüttelte nur finster den Kopf, setzte sich stumm vor den großen Kamin in der Halle und starrte in die Flammen. Gawain setzte sich zu ihm. Was fehlt Euch, mein König? fragte er.

Artus hob den Kopf und sah ihn an, er war so jung und so schön und voller Leben. Den König schauderte. Ich traf im Wald die Schwester des Riesen, ein Dame in einem kostbaren Gewand, selbst aber hässlich wie die Nacht, die hat mir die Antwort verraten.

Und was verlangt sie dafür? fragte Gawain. Sagt es mir, ich sorge dafür, dass sie ihren Lohn bekommt.

Doch Artus brachte die ganze Wahrheit immer noch nicht über die Lippen: Sie will einen meinen Ritter zum Mann, sagte er leise und starrte wieder ins Feuer. Dann soll sie einen bekommen, lieber Onkel, lachte Gawain, Das Wichtigste ist doch, dass Ihr wieder bei uns seid!

Am nächsten Morgen ritt der König mit all seinen Rittern in den Wald von Inglewood zur Jagd, wie er sagte, nur er selbst und Gawain wussten den wahren Grund. Auf dem Baumstumpf zwischen der kahlen Eiche und der Stechpalme mit den roten Beeren saß in ihrem roten Kleid die hässliche Dame. Seid gegrüßt, König Artus, rief sie ihnen entgegen, und auch Ihr, edle Ritter.

Alle zügelten ihre Pferde und starrten sie an, so wie auch Artus sie beim ersten Mal angestarrt hatte, keiner hatte je eine hässlichere Frau gesehen. Du lieber Himmel, flüstert Sir Kaye, der Hofmarschall, ein Kuss von ich muss die höchste der Wonnen sein! Und diese Augen! Wenn eins dich anschaut, sucht das andere schon den Nächsten! Ich habe keine Wahl: beim nächsten Turnier muss sie meine Dame sein.

Die Männer lachten, doch Gawain brachte sie zum Schweigen: das ist nicht lustig, Herr Kaye, ich bitte euch, seid still und verspottet diese Dame nicht, denn der König hat ihr versprochen, dass einer von uns sie heiraten wird.

Da wurden die Ritter sehr still, einige mussten ihren Hunden nach, andere hatten etwas im Schloss vergessen, wieder andere Hatten Gawain wohl gar nicht gehört, pfiffen ein kleines Liedchen und verschwanden zwischen den Büschen.

Schließlich war noch Gawain bei Artus geblieben, und der König starrte stumm auf den Hals seines Pferdes. Gawain seufzte leise, dann aber schwang er sich aus dem Sattel. Niemand soll denken, dass König Artus sein Versprechen nicht hält, sagte er.

Er kniete vor der roten Dame nieder und küsste ihre Hand: Herrin, ich kennen Euren Namen nicht, aber ich bitte euch, werdet meine frau.

Ihr schiefer Mund lächelte: Dazu sag ich gerne JA, und mein Name ist Ragnell. Da setzte Gawain sie aufs Pferd und ritt mit ihr zurück ins Schloss von Carlisle, und dort wurde noch am gleichen Tag die Hochzeit gefeiert.

 Der König sorgte dafür, dass es dabei an Pracht und Prunk nicht fehlte, und doch kam keine rechte Festtagsfreude auf, denn wenn auch keiner mehr wagte, die Braut zu verspotten, und jeder dem Brautpaar Glück und Segen wünschten, insgeheim tat Gawain allen leid.

Spät am Abend führte man das Brautpaar dann ins Brautgemach, die Tür wurde hinter ihnen geschlossen und sie waren zum ersten Mal allein.

Heute ist unser Hochzeitstag, Herr Gawain, sagte Ragnell, und Ihr habt mir noch keinen Kuss gegeben, ja mich nicht einmal angeschaut. Bin ich so abgrundtief hässlich?

Gawain zwang sich, ihr ins Gesicht zu sehen. Gott behüte, Herrin, so etwas dürft Ihr nicht denken.

Dann küss mich, forderte sie.

Gawain trat auf sie zu und umarmte sie, er schloss die Augen und küsste ihre Lippen. Aber ihr Mund kam ihm dabei gar nicht so schief vor. Und als er die Augen wieder öffnete, da lag in seinen Armen die schönste junge Dame, die er je gesehen hatte.

Erlöst, jubelte sie und lachte über sein verblüfftes Gesicht, jetzt hast du den halben Fluch gebrochen, mit dem mich meine Stiefmutter verwünscht hat. Nun darf ich die halbe Zeit meine Schönheit behalten, am Tag oder in der Nacht. Also entscheide, soll ich am Tag, im Sonnenlicht, vor allen Leuten, oder nachts im Mondschein in unserer Kammer eine alte Hexe sein?

Das ist schwer, sagte Gawain, der auch gar nicht wusste, wie ihm geschah. Aber ich glaube, lieber hätte ich deine Schönheit nachts für mich allein.

Sie wandte sich ein wenig ab. Und tagsüber soll ich mich verstecken? Darf mich nie erhobenen Hauptes unter den anderen Damen zeigen? Muss ich immer ertragen, wie die Männer über mich lachen – mir ins Gesicht oder hinter meinem Rücken? Wies sich meine Hässlichkeit in ihrem Abscheu spiegelt?

Verzeih, Liebste, sagte Gawain, ich haben nicht genug darüber nachgedacht. Entscheide du. Wie du es willst, so soll es sein!

Da fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn wieder und wieder. Jetzt hast du den ganzen Fluch gebrochen, und ich darf bei Tag und bei Nacht so schön sein wie du mich jetzt siehst.

Denn du hast mir geschenkt, was jede Frau sich mehr als alles andere wünscht: Ihren eigenen freien Willen.

Das war auch die Antwort, die Artus meinem Bruder gab, der nun davon erlöst ist, der Schrecken von Tarn Wadling zu sein!

Ja und dann wurde es doch noch eine fröhliche Hochzeitsnacht und am Morgen führte Gawain eine strahlend schöne Braut aus der Kammer, und dann wurde noch einmal gefeiert, und diesmal mit ganzem Herzen!

Und ihre Ehe war lang und glücklich, und nur ganz selten fragte Gawain sich, was denn mit seinem eigenen Willen wäre.


Nach der englischen Versdichtung: The Wedding of Sir Gawain and Lady Ragnell, um 1450

Erzählbearbeitung: Heinrich Dickerhoff